Elmar Lampson - IM GESPRÄCH

 

Porträt EL von Sabine Etzold in DIE ZEIT 13.06.2003

SZ-Artikel von O. Kaltenborn v. 24.09.2000

Porträt EL von Andreas Dürr (1998)

 

 

Nicht jedem muß alles und überhaupt gefallen

... aber es könnte vielleicht, wenn man nur hinhört

Portrait von Professor Elmar Lampson, Composer in Residence und Inhaber der Professur für Phänomenologie der Musik im Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke

von Andreas Dürr

(aus: "Perspektiven. Zeitschrift der Universität Witten/Herdecke für Wissenschaft, Kultur und Praxis", 3/1998)

"Als Musiker erwarte ich allein, daß die Menschen zuhören. Denn zuhören, das können heute viele nicht mehr", hat Elmar Lampson einmal gesagt. Lamento eines Resignierten? Der Komponist und Dirigent Lampson, der Weltreisende in Sachen Neue Musik – ist er am Ende vielleicht deshalb auch noch Professor geworden, sozusagen aus Notwehr? Und doziert, weil zumindest Studenten ja eben zuhören müssen, ob sie wollen oder nicht? Solch Urteil würde dem Menschen Elmar Lampson, würde seiner Arbeit und seinen Motiven letztlich nicht gerecht. Der Schlüssel zu Lampsons Musik und Gedankenwelt, zu seinem Entwurf für ein ganzes Lebensmodell, er liegt anderswo: Nicht klagen, daß keiner mehr (zu)hören mag, sondern Anstöße geben, daß wir (hin)hören sollen, ja: daß es sich lohnt zu hören – das bewegt Lampson, das schiebt ihn immer wieder an.

Hören nicht im Passiv, sondern als Aktivposten. Hören nicht als Erleiden, sondern als Erleben, als Erschaffen, Hören nicht nur als Wahr-Nehmen, sondern als Wahr-Machen, als Gestalten. Hören und Hin-Hören als Wachsen- und Werden-Lassen. Ein in sich geschlossener, großer Fingerzeig auf die Chance des Hörens, die jeder immer wieder hat und die jeder immer wieder nutzen muß, - so darf man Lampsons musikalisches Werk begreifen. Und ein leidenschaftliches Plädoyer in derselben Sache sind folgerichtig auch seine umfangreiche Lehrtätigkeit und sein Arbeitspensum jenseits von Taktstock, Notenpapier und Hörsaal. Seit 1993 hat Lampson einen Lehrauftrag für "Ensembleleitung Neue Musik" an der Musikhochschule Hamburg. Seit 1995 ist er in Witten/Herdecke tätig, hat hier eine Professur für Phänomenologie der Musik (die, wie schon der Name, eigens für ihn erfunden worden sein muß). Lampson erhebt das Hören zum Phänomen – um wieviel mehr muß dann die Musik ein Phänomen sein?! Wer schließlich ihn, Elmar Lampson, selbst als Phänomen bezeichnete, läge gewiß nicht verkehrt.

CD-Veröffentlichungen, Arbeitsbegegnungen mit zeitgenössischen Komponisten, die Leitung der Orchester-Akademie Hamburg, Konzertreisen durch ganz Europa und die halbe frühere Sowjetunion, zahlreiche Workshops zur Modernen Musik – was treibt den Rast- und Ruhelosen?

Ist es missionarischer Eifer, der den Komponisten und Dirigenten Lampson zum Dozenten werden läßt? Der ihn, weiter noch, gar auf die Straße und in die Firmen ruft, weg von der oft nur sich selbst gefallenden Musik- und Kunst-Szene hinein ins pralle Leben?

Vermeintliche Gegensätze zu vereinen, macht Elmar Lampson offenbar Freude. Das gilt für sein musikalisches Werk wie für seinen theoretischen Ansatz. Höchst wirksam etwa, wie er in einer öffentlichen Veranstaltung (unter hunderten Zuhörern vielleicht ein Dutzend Musik-Experten) seine Solisten zunächst Brahmsschen Wohlklang produzieren läßt, um nur eine Minute später ein eigenes Streichquartett zu zitieren. Hier Harmonie, da Geräusche wie aus einer Klimaanlage, sagt Lampson selbstironisch – um dann auch noch freundlich zu behaupten, man müsse nur einmal genauer hinhören, um etwas Neues zu entdecken und um für sich etwas Lebendiges daraus zu machen.

Kunst braucht, meint Lampson, einen zweckfreien Raum, um zu existieren. Und dennoch kann sie weit über ihre Grenzen hinaus wirksam werden und einen Zweck erfüllen. Schon wieder ein unauflöslicher Widerspruch?

Nur, wenn wir einen Widerspruch darin sehen. Genauso gut oder besser noch läßt sich aus Lampsons Musik-, Kunst- und Lebensverständnis ein zumindest logisches und konsequentes, weitreichendes Existenz-Modell mit ungeahnten Perspektiven herausdestillieren; Hören auch das Hören "Neuer Musik" – als Wurzel erweiterten Bewußtseins, als Nährboden eines reicheren und vielfältigeren Seins.

"Kunst löst keine Probleme, und als Künstler fühle ich mich eher für die Umwege zuständig denn für die direkten Wege". Sagt Elmar Lampson. Das klingt bescheiden, zurückhaltend. Im Grunde ist es eher mutig – denn Lampsons persönlicher Umweg ist ja die unverstandene "Neue Musik", oft als schräg und störend verschrien. Lampsons Werkzeug, um über Schock, Stille und Konzentration schließlich Aufmerksamkeit, Hinwendung und neues Erleben zu bewirken, sie, die "Neue Musik" trägt bis heute das Stigma des Schwierigen, des Unverständlichen. Sie gilt immer noch als Gegensatz zur Klassik. Sie wirft den Zuhörer auf sich selbst zurück und führt ihn unvorbereitet in Hörsituationen, in denen er sich weder auf überkommene Empfindungsgewohnheiten noch auf sein unbewußtes Harmoniegefühl stützen kann. Der Schrecken atonaler Klänge, neoklassischer Formspiele oder exotischer Rhythmen – errüttelt an Gewohntem. Ende der Kunst? Im Gegenteil – für Lampson kann es gerade erst anfangen. Wenn wir hinhören. Wenn wir es zulassen.

Klavier- und Orchesterstücke, Symphonien, Musiktheater – in seinen eigenen Kompositionen, die aufzuzählen und zu würdigen hier nicht der rechte Platz ist, hat Lampson sich bewußt und kalkuliert immer wieder der Irritation bedient. Er hat Publikum und gewiß auch Studenten immer wieder mit neuen Hörsituationen konfrontiert. Details aus der Wechselwirkung von Zwölftonfeldern, Pentatonik und Naturtönen zu ergründen, den Weg zur elementaren Form der Tonalität zu analysieren und zu beschreiben – das mögen Berufenere an anderer Stelle erledigen. Erstes Ergebnis ist für viele die beschriebene Irritation. Lampsons Zuhörer müssen in der Auseinandersetzung mit der neuen Musik "ihre Hörfähigkeit schulen, müssen versuchen, aus eigener Phantasie heraus Zusammenhänge zu hören, Fragmentarisches zu ergänzen oder Qualitäten bewußt zu empfinden."

Und genauso ist die Chance, die Lampson aufgreift und propagiert wie wenige andere. Sein Credo: "Durch die Fähigkeit des »schöpferischen Zuhörens« gibt es eigentlich nichts Altes mehr, weil dieses Zuhören, wenn es sich auf Altes richtet, zur Kraft des Vergegenwärtigens wird – und weil es auch im Neuen unerwartete, vielleicht »alte« Qualitäten entdecken kann." Letztlich wird damit gar der Rahmen der Musik, der Rahmen der Kunst überhaupt gesprengt: "Das schöpferische Hören kann sich überall hinwenden, ein Bewußtseinstransfer von künstlerischen Fähigkeiten in andere Lebensbereiche wird möglich. Kunstwerke, die gleichzeitig gesetzmäßig und offen sind, vollendet und über ihren momentanen Zustand hinausweisend", – das ist über die Kunst hinaus ein Lebensmodell: Alles ist auch das, was wir daraus machen, – alles ist nur dadurch, daß wir etwas machen, – alles ist erst dann, wenn wir etwas machen.

Der Zuhörer als Partner des Komponisten. Oder weitergedacht und übertragen ins normale Leben: der Gebende so wichtig wie der Nehmende, das Hinwenden so nötig wie das Zuhören, das Herauslassen so bedeutsam wie das Aufnehmen – Elmar Lampson wirbt letztlich um die Bereitschaft, sich einzulassen und offen zu sein für immer wieder neue Anstöße.

(Der Autor: Andreas Dürr, Jahrgang 1961, ist stellvertretender Leiter der Lokalredaktion Hamm des Westfälischen Anzeigers.)


Interview mit Eric Taver

Eric Taver: Muß ein neues Werk heute unbedingt in Hinblick auf die Interpreten, die die Uraufführung übernehmen sollen, ausgerichtet sein ? Und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt soll der Gedankenaustausch mit den ausführenden Künstlern beginnen: bei der Konzeption, beim ersten Entwurf, bei der Ausarbeitung, der anschließenden Überarbeitung oder bei den ersten Proben ?

Elmar Lampson: Ich komponiere allein, schweigend, ohne Dialoge. Aber zu wissen, daß besondere Interpreten das Stück uraufführen werden, macht Appetit zum schreiben, beflügelt die Phantasie. Wenn die Komposition fertig ist, führe ich gerne mit den Interpreten Dialoge über Fragen der Agogik, Dynamik, Tempo, Tongebung, Klangfarben und Gestaltung. Als Komponist schaffe ich die Identität des Werkes. Die Interpreten bringen es zum Leben. Das ist selbst wieder ein schöpferischer Prozess, der seinen eigenen Bedingungen folgt. Die Interpreten müssen anhand des Notentextes selbständig nach dem Wesen, der Physiognomie des Stückes suchen. Wenn sie es wirklich von innen heraus kennen, werden sie es nach ihrer eigenen Auffassung spielen. So kommt etwas zur Erscheinung, das ich allein nicht hätte schaffen können.

ET: Für welches Publikum schreiben Sie ? Haben Sie das Gefühl, daß ihre eigene Musik in Konkurrenz zu den U-Musiken steht, die eine viel größere, kommerzielle Verbreitung genießen?

EL: Ich schreibe, damit es die Stücke gibt, die ich schreibe. Sie fordern zu lebendigem Wahrnehmen heraus, und ich bin dankbar, wenn Menschen sie hören wollen. Meine Musik verhält sich zur U-Musik wie ein Roggenkorn zu einem Gummibärchen. Gummibärchen sind keine ernst zu nehmende Konkurrenz.

ET: Ist die Tätigkeit eines Komponisten wirklich ein Beruf? Kann man sie erlernen? Kann man ihn täglich ausüben?

EL: Man kann lernen zu komponieren, ob man aber Komponist wird, hängt von der biographischen Konsequenz ab, mit der man dieser Tätigkeit nachgeht. Der Berufskomponist steht vor einem schier unlösbaren Problem: Entweder kommt er vor lauter Arbeit nicht zum Geldverdienen oder vor lauter Geldverdienen nicht zur Arbeit. Meist träumt er davon, seinen Beruf täglich ausüben zu können.

ET: Von welchen Komponisten oder welchen Musikern können Sie sagen, daß sie einen Einfluß auf Sie bewirkt haben? Glauben Sie von sich, daß Sie einer Schule oder einer ästhetischen Richtung angehören?

EL: Während meiner Kindheit und Jugend waren Alois Künstler, und Heiner Ruland, in meinem Studium Alfred Koerppen, dann Frank-Michael Beyer und Alfred Schnittke besonders wichtig für mich; außerdem Webern, Strawinsky, Bartók, und Palestrina. Ob ich einer Schule oder ästhetischen Richtung angehöre, weiß ich nicht.

ET: Seit einem Jahrhundert haben die neuen Techniken unsere Beziehungen zur Musik verändert. In erster Linie denkt man da an Schallplattenaufnahmen. Können diese Tonträger unsere Verbindung zur Musik wandeln? Sind sie Rivalen oder willkommene Stütze der Konzerte? Und wie steht es mit den neuen Informationstechnologien (Internet, CD-ROM, usw.)? Können Sie sich vorstellen, daß sie das Verhältnis zwischen den Musikschaffenden und dem Publikum radikal umwandeln?

EL: Technische Vervielfältigungs- und Kommunikationsmedien sind wichtig für die Verbreitung und Vermarktung von Musik. Ich nutze sie, um meine Musik bekannt zu machen. Aber sie bleiben für mich ein sekundärer Bereich. Ich hoffe nicht, daß sie das Verhältnis zwischen den Musikschaffenden und dem Publikum radikal umwandeln werden. Wenn man ein Musikstück wirklich erleben will, muß man persönlich anwesend sein; ebenso wie für einen Händedruck oder einen Kuß.


aus der "Süddeutschen Zeitung", Beilage SZ am Wochenende, Samstag, 23. September 2000

Olaf Kaltenborn

Über Umwege in die Tiefe

Wie man mit einem gregorianischen Choral eine Möbelfirma retten kann: Das "Studium fundamentale" an der Universität Witten-Herdecke

Verfügt Elmar Lampson über magische Kräfte? Liegt in seiner Stimme eine geheimnisvolle Schwingung, die Menschen unmittelbar berührt? Oder sind es vielleicht diese ungemein lebendigen, blauen Augen - stets auf sein Gegenüber gerichtet, voll Wachsamkeit?

Fest steht jedenfalls, dass Elmar Lampson eine nicht unbeträchtliche Wirkung ausübt - auch auf Menschen, die nichts mit Musik anfangen können, und auf Menschen, die schon im Musikunterricht am liebsten schreiend davon gelaufen wären, wenn der Musiklehrer wieder einmal einen Zwölftöner von Webern, Stockhausen oder Ligeti auflegte. Elmar Lampson ist Komponist, Professor für "Musikphänomenologie" und Dekan einer der sonderbarsten Fakultäten, die es an einer deutschen Hochschule gibt: Dem "Studium fundamentale" an der Privatuniversität Witten-Herdecke.

"Fundamentale" und nicht "Generale" heißt es, weil es über alle Sinne und die Reflexion versucht, "an die Fundamente einer Sache heranzugehen und sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch erfahrbar macht", sagt Lampson: Nicht nur reden übers Malen, sondern selbst malen. Nicht nur reden über Musik, sondern selbst musizieren. Und dann die Erfahrungen mit dem Malen und dem Musizieren wieder "re-flektieren". Und damit die oft abgrundtiefe Kluft zwischen Theorie und Praxis verkleinern. So etwa funktioniert das Studium fundamentale. Und ist deshalb auch ein Studium radikale - weil es an die Wurzel (lat. radix) der Sachen heran will.

Der Weg um manche Kurve

Uni-Präsident Walther Zimmerli drückt die Essenz des "Stufu" - so nennen es die Studenten - mit anderen Worten aus: "Wir sind vom Begriff der Bildung im klassischen Sinne abgekommen, wie er einem Studium generale zu Grunde liegt. Wir fragen umgekehrt: Welche Kompetenzen braucht ein Mensch heute?" Man übertreibt gewiss nicht, wenn man sagt: Das Stufu ist das "radikale" Herzstück der kleinen Witten-Herdecker Hochschule mit ihren gerade mal gut tausend Studenten. Und dieses Herz schlägt seit einiger Zeit im bescheidenen Arbeitszimmer von Elmar Lampson, zwischen einem mächtigen ostasiatischen Gong auf der einen und einer Kesselpauke auf der anderen Seite.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die Wahl auf ihn gefallen ist - gerade jetzt, da nach siebzehn Jahren das Stufu an Haupt und Gliedern "einschneidend" (Lampson) reformiert wird. Legende ist schon eine Geschichte, die man sich in Witten-Herdecke über Lampson erzählt, der sich jahrelang mit Frau und Kind als freier Komponist durchschlagen musste, bevor er über eine Hamburger Dozentur nach Witten kam. Bei einem Lebensweg, der auch um manche Kurve ging, glaubt man Lampson, dass er "kein selbstmitleidiges Verhältnis mehr zum Scheitern hat". Ja, dass er die Möglichkeit des Scheiterns sogar als produktive Kraft begreift, die einen weiterbringen kann.

Das muss man vorausschicken, um die folgende Geschichte besser zu verstehen. Sie erzählt auf sehr eindrückliche Weise, was das Besondere am Studium fundamentale ist und wie perfekt Elmar Lampson diesen Stufu-Geist verkörpert, der da heißt: Wenn du es verstehst, bei anderen Menschen die Liebe und Begeisterung an einer Sache zu wecken, dann wird das auch auf andere Felder deines und ihres Lebens und Tuns abfärben.

Also, eine mittelständische Möbelfirma im niedersächsischen Stadthagen. Familienbetrieb. Dem Unternehmen ging es schlecht. Keiner wusste genau, warum. Am wenigsten wohl der Chef selbst, ein älterer Herr, der den Betrieb nach alter Sitte wie ein Patriarch leitete. Zum finalen Krisengespräch hatte er neben seiner Stammbelegschaft auch alle Außendienstmitarbeiter nach Stadthagen gerufen: "Harte Jungs", sagt Lampson. "Voll frustriert, unter ständigem Leistungsdruck. " Für das Wochenende hatte sich die Firma folgendes ausgedacht: Jeweils zwei Stunden Diskussion, dass die Fetzen fliegen, danach immer wieder gleich lange Phasen der Kontemplation und Besinnung. Für diesen Teil war Lampson zuständig.

"Es war eine echte Gratwanderung", sagte er im Rückblick. "Als die am Anfang aus den Gesprächsrunden kamen, waren sie total fertig - am Boden zerstört. Und ich sollte ihnen nun erklären, wie der musikgeschichtliche Weg von der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit ist. " Natürlich hatte Lampson dieses Thema nicht zufällig gewählt. "Von der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit" - in diesem Titel spiegelte sich das ganze Drama der Firma wieder, in der immer nur eine Stimme sprach: die des Chefs. Oder es sprachen alle zugleich. Dann hörte keiner mehr dem anderen zu. Die Kommunikation war total auf den Hund gekommen. Das Unternehmen stand vor dem Niedergang. Lampsons Therapie der Mehrstimmigkeit schien angesichts der Lage einleuchtend zu sein. Dafür mussten die "harten Jungs" aber die erste Lektion verstehen: Mehrstimmigkeit gelingt nur, wenn man dem anderen zuhört und auf seine Tonlage eingeht. Sonst wird es wieder nur eine Kakophonie. Kein leichtes Unterfangen. Denn sowohl die Mitarbeiter als auch der Chef hatten während der Jahre das Hören auf den anderen schlichtweg verlernt.

Nach einigen theoretischen Erörterungen zur Gregorianik und Mehrstimmigkeit ging Lampson aufs Ganze: "Ich probte mit denen einen mehrstimmigen gregorianischen Choral. Und ich wusste: Jetzt schmeißen die mich gleich raus - oder sind zu Tränen gerührt. " Es geschah, was man wohl zu den kleinen oder größeren Wundern zählen muss: "Sie sangen und waren zu Tränen gerührt. " Als diese Hürde genommen war, schaltete Lampson noch einen Gang hoch: Ein Klavierstück von Anton Webern. Wieder so eine "Zumutung, weil denen die moderne Musik zunächst so unter die Haut ging, dass sie es gar nicht ertragen konnten", sagt Lampson und lächelt vielsagend. Dieses "Unter-die-Haut-gehen" haben sie dann anschließend gemeinsam reflektiert. Lampson nennt das "einen phänomenologischen Einstieg in das Hören eines modernen Musikstücks".

Auch dies ist wieder so eine typische Erfahrung im Geiste des Studium fundamentale: In der Metamorphose machten die Möbelvertreter eine ganz neue Erfahrung: Die Gespräche, so hart und verletzend sie angefangen hatten, wurden "plötzlich irgendwie weicher". Durch die intensive Beschäftigung mit Musik war "das Hören auch in die Eigensprachlichkeit eingesickert", erklärt Elmar Lampson das Phänomen. Sogar der Chef sprach plötzlich anders. Beinahe überflüssig zu sagen, dass dieses Wochenende die Möbelfirma Schlüter verändert hat. Der Betrieb kam über den Berg.

Ein Umfeld, das anders tickt

Vielleicht liegt ja darin ein Teil des Stufu-Geheimnisses: dass es nämlich auch in der Ausbildung nicht primär versucht, etwas auf geradem Wege zu erreichen. Sondern eine Kultur des Umwegs vervollkommnet hat, wie es sie wohl sonst in Deutschland nicht gibt. Es ist nämlich so, dass kaum ein Witten-Herdecker Student den Campus verlässt, ohne auch Kant gelesen, Bilder gemalt oder ein eigenes Streichquartett gegründet zu haben. Aber auch das bringt das Besondere noch nicht ganz auf den Punkt. Schließlich gibt es ja einige dieser Möglichkeiten auch an anderen Hochschulen. Dort wird dann - neben dem Fachstudium - der gesamte Kodex des abendländischen Wissens pflichtschuldigst abgearbeitet. Hier in Witten-Herdecke jedoch durchtränkt das Stufu die einzelnen Fachwissenschaften "wie Wasser einen trockenen Schwamm", sagt Uni-Präsident Zimmerli. Dass das Wasser des Stufu wirklich in die Fachdisziplinen einsickert, liegt natürlich nicht nur am faszinierenden Angebot. Stufu ist Wahl-Pflicht in Witten-Herdecke und prüfungsrelevant. Bis zu 15 Prozent der Leistungen müssen hier erbracht werden. Jeder soll so die Chance bekommen, sich nach seinen eigenen Neigungen vertiefen und persönlich entfalten zu können - in künstlerischer und musischer Kreativität, in philosophischer Reflexion oder Kommunikation: So heißen die drei "Säulen", auf denen das Stufu nach seiner Reform nun fester denn je ruht.

Zimmerlis Schwamm-Beispiel lässt sich nicht nur auf die Befruchtung der Fachwissenschaften übertragen, sondern auch auf die Studenten selbst. Dass dem Schwamm-Vergleich nichts Diskriminierendes anhaftet, beweisen Sopna (25), Tina (27) und Christian (27): Sopna "wollte nicht an eine normale Uni", sagt sie, "wo man fünf Tage in der Woche fachbezogen studiert und ansonsten wenig Spielraum hat für anderes". Vor dem Studium hatte sie eine Ausbildung als Bankkauffrau gemacht. Da es dort keine Möglichkeit gab, "auch mal nach rechts und links zu schauen, kam für mich eigentlich nur ein Studium in Witten-Herdecke in Frage". Christian wünschte sich von seinem Studium "Zeit, Ruhe und ein Klima, in dem ich ermutigt werde, endlich andere Sachen zu machen". Wie Sopna wollte auch er sich "mit Fachfragen beschäftigen, die nichts mit Wirtschaft zu tun haben, in einem Umfeld, das anders denkt und tickt als Wirtschaftswissenschaftler".

Und wie ist das mit dem "Schwamm-Sein"? Alle lachen. Die Biochemikerin Tina bringt es auf den Punkt: Sie übt sich jeden Donnerstag in Philosophie; belegt jetzt schon im fünften Semester einen Kant-Lektürekurs, der nur ein Ziel verfolgt: Die "Kritik der reinen Vernunft" wirklich zu verstehen: "Wir nehmen uns dafür einfach so viel Zeit, wie wir brauchen", sagt sie. Tina hält nicht viel von Bildung als einem Gemischtwarenladen, einem Studium generale zum Beispiel. Sie liebt es, sich zu vertiefen. "Nur so", erklärt sie, "kann es Auswirkungen haben auf mein Leben und vor allem auf meine Wissenschaft. " Als Schwamm fühlt sie sich insofern, als "es eine direkte Verbindung gibt zwischen dem, was ich in den Stufu-Kursen mache und meiner Arbeit im Labor". Schließlich hat sie bei Kant gelernt, ihre Arbeit wissenschaftstheoretisch zu brechen: "Biochemie ist eben nur eine Art, die Welt zu betrachten", sagt sie. Aber es gebe auch künstlerische, musikalische und reflexive Arten, die gleichwertig seien. "Reizvoll ist es, wenn sich diese Welten in einem selbst durchdringen".

Wirkt sich das Stufu auch auf das tägliche Leben aus? "Natürlich!", sagt Christian. Er hat sich theoretisch und praktisch mit Malerei beschäftigt, zunächst mit Leonardo da Vinci, dann zwei Semester lang mit Farbenlehre beim damaligen "Artist in Residence", der in Witten-Herdecke jedes Jahr wechselt: "Das hat mein Sehen verändert", bekennt er. Wie Tina war auch er überrascht, auf wie viele verschiedene Weisen man die Welt sehen und malen kann: "Ich habe einen Schwamm genommen und Farbklekse gemacht, mein Nachbar dagegen ist erst einmal drei Stunden im Kreis herumgegangen und hat sich Gedanken gemacht, bevor er loslegte. "

Trotz ihrer vielfachen Neigungen studieren Witten-Herdecker in der Regel kürzer als ihre Kommilitonen an staatlichen Hochschulen. Das nordrhein-westfälische Wissenschaftssekretariat für die Studienreform in Bochum hat errechnet, dass die "Privaten" in Studienzeit und Prüfungsleistungen vielfach voraus sind. Sopna meint, das liege an der "hohen Identifikation mit ihrer Uni". Nur zwei Prozent brechen ihr Studium hier vorzeitig ab.

Wie viel Kreatives, Sinnliches und Reflexives von der eben beschriebenen Art jenen trockenen Schwämmen der Fachdisziplinen an anderen Universitäten fehlt, darüber kann Zimmerli lange Vorträge halten. Andererseits jedoch ist "Marktlücke", in der "seine" kleine Hochschule prächtig gedeiht, die Folge jener Dürre verkrusteter akademischer Diskurse, in der sensiblere Menschen zu verdursten drohen. Bittet man ihn, den Unterschied zwischen Witten und einer anderen Hochschule zu beschreiben, dann ruft er Thomas von Aquin als Kronzeugen auf: "Wenn Thomas von Aquin in den Hörsaal kam", erzählt er, "dann sagte er zum Beispiel: Heute reden wir über Wahrheit. Und dann ging es los: Na, was ist denn Wahrheit? Das wurde dann argumentativ aufgedröselt mit Frage und Gegenfrage. Es wurde systematisch geübt, wie man eine bestimmte Position zerpflückt. " Von Thomas, aber auch von Sokrates könne man lernen, dass im Zentrum von Bildung zunächst das "Einüben einer philosophischen Streitkultur" stehe. Sie sei aber an den Massenuniversitäten wegen ihres Fächerkanons und der Unübersichtlichkeit leider verloren gegangen.

Weil sie gelernt haben, für ihre Ziele zu streiten, weil sie "ihre" Hochschule in nicht unbeträchtlichem Maße über verschiedene Gremien mitformen, wird Wittener Absolventen auch zugetraut, dass sie mit ihrem "lebenslangen" Stufu-Rüstzeug und einer praxisnahen Fachausbildung, eingefahrene Unternehmensstrukturen aufbrechen können. Oder um im Bild vom Schwamm zu bleiben: Sie durchtränken ihr Umfeld oft mit Fragen und Gedanken, auf die normale Fachleute nicht gekommen wären, weil diese nicht um die Ecke denken können. "Das ist jedenfalls unser Ziel", sagt Dekan Lampson, der nicht nur Möbelfirmen zu Mehrstimmigkeit erzieht, sondern auch Rüstungsmanager bei MTU.

Formen des Nichtwissens

Damit ihnen das in Zukunft noch besser gelingt, hat sich Philosoph Zimmerli, seit Oktober 1999 Nachfolger des nicht weniger charismatischen Gründungsrektors Konrad Schily, gleich nach seinem Amtsantritt am Herz der Hochschule zu schaffen gemacht. Er hat sich zusammen mit Lampson eine Reform geschultert, die in der siebzehnjährigen Geschichte des Stufu zumindest eine "Evolution", wenn nicht gar eine kleine Revolution darstellt: Die "Konzentration" des Stufu-Angebots auf jene bereits erwähnten drei "Kernkompetenzen" - Kreativität, Kommunikation und Reflexion. Denn ob man es einer Uni mit tausend Studenten nun glaubt oder nicht: Sie litt zunehmend an ihrer Größe. Das Angebot des Stufu drohte "beliebig" zu werden, "ein Gemischtwarenladen", wie Elmar Lampson sagt: "Wir hatten eine anschwellende Fülle von Angeboten, aber keine richtige Struktur. " Die Folge: Orientierungslosigkeit bei den Studenten. Nun gibt es die drei Säulen, an denen sich jeder festhalten kann.

Warum gerade drei Säulen? Neben der Heiligkeit der Zahl drei sind da wohl auch die Erfahrungen von siebzehn Jahren Stufu ausschlaggebend gewesen. Zimmerli verdeutlicht den Sinn am Beispiel eines Mediziners: Reflexive Kompetenz. "Ein guter Mediziner zeichnet sich dadurch aus, dass er sich immer wieder überlegt, wo die Grenzen seiner Kunst liegen. " Kommunikative Kompetenz: "Es nützt nichts, ein guter Arzt zu sein, wenn er es seinen Patienten nicht kommunizieren kann. " Kreative Kompetenz: "Die schöpferische Erfahrung verwandelt die Zugänge zum Menschlichen und eröffnet neue Dimensionen der Heilung. "

"Mit Hilfe der Säulen haben wir in die Breite des Angebotes bestimmte Gesichtspunkte eingezogen", erläutert Lampson das Konzept. Auf die drei Säulen haben sie dann gleich noch einen neuen Studiengang gestellt, der - erstmalig in Deutschland - vom Sommersemster 2001 an zum philosophischen Praktiker ausbildet. Und ein Graduiertenkolleg mit dem Titel: "Formen des Nichtwissens. " Eine geradezu sokratische Provokation gegen das unreflektierte Geschwätz von der so genannten Wissensgesellschaft.

 

Home

Aktuelles

Biographie

Im Gespräch

Werke

Schriften

Pressestimmen

Diskographie

Bilderaktuell

Kontakt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
© EL, 24.11.2003
el@elmar-lampson.de